Das Paradies

aufgeschrieben von Wolfgang Becker

Das Anwesen Minguinelle

Das Ziel liegt am Ende des Weges. Der ist lang und steinig, windet sich durch die provencalische „garigue“, den dichten, immergrünen und niedrigen Wald, fast drei Kilometer von der Landstraße entfernt, immer den Telefonmasten folgend. Dann nach einer Kurve der Blick in ein kleines Tal, Obst- und Olivenbäume, dahinter eine Ansammlung kleiner Gebäude mit Natursteinwänden. Ein Gästehaus, das nach Umbau nun eineinhalbgeschossige „cabanon“, mit Solarzellen auf dem Dach. Der dreigeschossige Turm, eine ehemalige „pigeonière“ (Taubenturm), mit einem Pizzaofen als Basis und einem zweigeschossigen Anbau. Das niedrige Küchenhaus mit seinem angebauten Wohnraum und Badezimmer, dahinter eine große Terrasse. Eine wunderschöne Remise, in der ein antiker Riesentisch zu geselligen Zusammenkünften einlädt. Alles mit flachen Pultdächern und den typischen „Mönch & Nonne“-Ziegeln eingedeckt. Schließlich die „verrerie“ (Glashaus) mit aus Deutschland importierten alten Gewächshaus-Bauteilen, in dem die Bibliothek untergebracht ist. Drum herum noch ein Toiletten- und zwei Pumpenhäuschen sowie ein komfortables Schwimmbecken.

sondermaß: Wie findet man so ein Objekt fernab der Zivilisation ?
Jürgen Piquardt: Paradiese waren vor über 40 Jahren nicht gefragt. Da gab es das Paradies vielleicht auch noch im Dorf. Meine Frau Heike und ich haben damals außerhalb der Ortschaft etwas gesucht, weil das Geld für eine Behausung in Dorfnähe mit Garten – den wir unbedingt wollten – nicht ausgereicht hätte. So sind wir sehr weit weg gelandet. Heute ist es ein Paradies und heute sind diese Paradiese auch besonders gefragt.

"Paradiese waren vor über 40 Jahren nicht gefragt."

sondermaß: Wann habt Ihr hier angefangen ?
Jürgen Piquardt: 1972 haben wir die ersten Parzellen in Minguinelle gekauft. Es war damals eine aufgegebene Domäne mit einigen Natursteinruinen und zwei verdorrten und verwachsenen Weinfeldern. Ohne Wasser und Strom, drei Kilometer von der nächsten Straße und 1500 Meter vom nächsten Nachbarn entfernt. Eine Geschichte dazu: Heike war damals 26 und meinte, als sie das alles sah: Dann bin ich ja 30, wenn das fertig ist. Wir sind jetzt allmählich fertig und Heike ist gestern 66 Jahre alt geworden.
sondermaß: Das Anwesen heißt Minguinelle. Was bedeutet das?
Jürgen Piquardt: Der Name ist der Inbegriff von Märchen, von Paradies und von Schönheit in der Natur. Mal gibt es alte Fotos, da steht Chateau (Schloss) Minguinelle darauf, mal wird von einer Domaine (Domäne) geredet. Auf den Bildern sieht man, das es mal ein sehr großes Anwesen war. Aber sogenau weiß keiner, was Minguinelle eigentlich heißt. Es ist ein nicht von außen erklärbarer Begriff. Der Ort mit seiner Bedeutung erklärt sich nur, wenn man in Minguinelle ist.

sondermaß: Was ist dieser Ort heute für Dich?
Jürgen Piquardt: Es ist unser zentraler Ort, es ist Heikes und meine Heimat. Meine Frau kommt aus Österreich, ich aus Thüringen, wohin ich lange nicht zurück konnte. Minguinelle und die Provence verkörpern unsere gemeinsame Heimat. Dieser Ort in der Natur ist seit langem mein Lehrmeister – ich hoffe, daran weise zu werden. Minguinelle ist heute die Grundlage für einen bäuerlichen Betrieb mit insgesamt brutto rund 15 Hektar Fläche und vor allem 260 Olivenbäumen. Eine sehr zentrale Heimat und Kontinuität für die Familie mit unseren beiden heute erwachsenen Kindern, die sehr gern hierher kommen. Ohne Minguinelle ist das Leben nicht mehr vorstellbar.

"Dieser Ort in der Natur ist seit langem mein Lehrmeister – ich hoffe, daran weise zu werden."

sondermaß: Es ist ja auch nach einem halben Jahrhundert in Hannover seit Ende 2012 Euer Alterswohnsitz geworden …
Jürgen Piquardt: So ist das. Wir haben aber noch keine Zeit zum Altwerden. So wie wir Minguinelle denken und planen, setzt es voraus, dass wir noch ziemlich lange agil sind und als Kleinbauern hier arbeiten. sondermaß: Was macht ihr außer hier zu wohnen?
Jürgen Piquardt: Wir haben uns gerade bei einer französischen Bioorganisation als Bio-Kleinbauern angemeldet. Wenn die das annehmen und wenn das auch von Brüssel leicht gefördert wird, werden wir uns weiter entsprechend entwickeln können. Wir haben derzeit schon zweieinhalb Hektar Land mit Bäumen bepflanzt: Obstbäume, Mandeln, Walnuss und vor allem viele Olivenbäume, mit denen wir schon lange unser eigenes Öl erzeugen. Gerade dieser Tage habe ich beim Beschneiden der Bäume gemerkt, wieviel Arbeit das ist. Wir werden demnächst zusätzlich Safran anbauen, das lässt sich zeitlich gut mit den Oliven kombinieren, und auch einen großen Garten anlegen. Seit Mai 2014 bieten wir in Minguinelle auch verschiedene Kurse an. Dabei geht es vorrangig um Gesundheit auf ganz grundsätzlicher Ebene. Daneben komme ich hier auch sehr intensiv zum Schreiben und gehe gerade ein neues Buch an: Die Liebe der weißen Eiche. Dabei stelle ich fest, das meine Zeit für alle Aktivitäten hier noch weniger ausreicht als im vorherigen Berufsleben als Gastronom in Hannover. 30 Tagesstunden wären prima, aber die geben die Götter halt nicht vor, da muss ich noch lernen, mein Mass zu finden.

"30 Tagesstunden wären prima, aber die geben die Götter halt nicht vor, da muss ich noch lernen, mein Mass zu finden."

Der Umbau

sondermaß: Ihr habt damals nur Ruinen vorgefunden. Wie ist eigentlich der Wiederaufbau der Gebäude vonstatten gegangen?
Jürgen Piquardt: Minguinelle ist eine lange Geschichte vom Bauen und vom Landwirtschaften. Immer wenn kein Geld da war, haben wir Bäume gepflanzt. Von daher haben wir eben auch ziemlich viel Bäume. Beim Bauen haben wir Zug um Zug gelernt, selber zu arbeiten. Ich hatte früher das Gefühl, zwei linke Hände zu haben und gar nicht selbst handwerklich arbeiten zu können. Ich hatte zwar Kraft zum Zupacken, konnte aber weder tischlern noch mauern. Das hat sich alles als Irrtum herausgestellt, vieles ist gelernt worden. Ich habe selber das Mauern mit Natursteinen erprobt, raumweise sind so frühzeitig das Gästehaus und die Küche erstellt worden. Abschnittsweise haben wir dann mit Leuten aus dem Dorf und mit lokalen Baumeistern Minguinelle wieder aufgebaut. Insgesamt gibt es heute in vier Raumkomplexen ungefähr 180 m² Nutzfläche. Im Laufe von gut 40 Jahren sind viele Freundschaften entstanden. Über das langsame Bauen sind wir sehr in das Dorfleben der umgebenden Ortschaften Varages und Barjols integriert worden. Durch den andauernden Bauprozess ist eine gegenseitige Achtung entstanden, Auch das zuletzt gebaute Glashaus mit unserer Bibliothek ist das Resultat einer sehr komplizierten Freundschaft. Die Achtung wäre nicht in diesem Maße da, wenn wir uns innerhalb kurzer Zeit ein Gebäude hätten hinsetzen lassen.

sondermaß: Du hast viel selber gemacht. Was sind Deine schönsten Baugeschichten ?
Jürgen Piquardt: Wir hatten keinen Tisch mehr. Der alte war auseinandergebrochen, wir hatten die Wahl, einen neuen zu kaufen oder ihn selbst zu bauen. Ich habe dann einen Tisch selbst gezimmert, was mir vorher unmöglich erschien. Mein eigener Tisch hat rund 20 Jahre gehalten, das war eine erste Form von Stolz auf das Handwerken. Die ganzen 42 Jahre lang hat mich zudem das Mauern mit Natursteinen begleitet.Das habe ich mir mit der Vorstellung: Das kannst Du eigentlich auch, hier in der Provence abgeguckt. Das ist eine therapeutische Beschäftigung. Es ist wunderbar, die Steine so zu suchen, wie man sie braucht. Das führt im Gehirn dazu, dass man gar nichts anderes mehr denkt. Man denkt und fühlt nur noch diese Mauer. Dabei verliert man auch den Zeitdruck, fertig zu werden. Es geht nur darum, den richtigen Stein mit der richtigen Farbe zu finden und an die richtige Stelle zu setzen. Mit Trockenmauern, wie sie hier in der Provence als Einfriedungen oft vorkommen, habe ich weniger Erfahrung. Ich arbeite meist mit farblich angepasstem Kalkmörtel und nehme auch etwas Zement, damit das länger hält. Das ist schon sehr spannend, ich habe eine große Achtung vor Mauern aus Natursteinen.

sondermaß: Stichwort autarkes Wohnen, jenseits der Zivilisation, ohne Versorgungsleitungen. Wie geht das eigentlich ?
Jürgen Piquardt: Es war nicht die Absicht, das zu inszenieren. Das hat sich aus dem Ort ergeben, obwohl das ja auch zu relativieren ist. Wir haben etwa sehr früh entlang des Weges 64 Masten für eine Telefonleitung gelegt bekommen. In der Unabhängigkeit, Nachrichten nur über Rauchsignale senden zu können, haben wir nie gelebt. Nach Wasser haben wir bohren lassen, das war auch wichtig für die Baugenehmigung. Durch Umwürfe in der Erde ist der Tiefbrunnen aber seit einiger Zeit nicht mehr nutzbar, deshalb haben wir zur großen Sicherheit für uns eine neue Zisterne gebaut. Das funktioniert sehr gut, weil einige Dächer angeschlossen sind. Wenn es nicht länger als vier Wochen trocken bleibt, sind wir damit autark von Wasserlieferungen, trotz Swimmingpool und Pflanzenbewässerung. Trinkwasser holen wir aus dem Dorf. Es gibt eine Trockentoilette, eine spannende Geschichte, die auch Zukunft haben wird.

"Jetzt sind wir ohne Einschränkungen Selbstversorger und im besten Sinne die nächsten Jahre sorgen- und auch kostenfrei."

sondermaß: Wie lebt es sich ohne Strom aus dem Netz ?
Jürgen Piquardt: Minguinelle und die Nutzung von Solarstrom sind eine Parallelgeschichte und auch ein Experimetieren in dieser Pionierzeit. Wir hatten schon frühzeitig einen Generator und 24-Volt-PV-Anlagen, die immer mehr ausgeweitet wurden. Dann haben wir gemerkt, dass diese nicht mehr ausreichen würde, wenn wir dauerhaft hier wohnen und etwa auch eine Waschmaschine nutzen würden. Wir wollten auch unabhängig von einem Stromaggregat sein und haben deshalb eine neue PV-Anlage mit Akkuspeichern gebaut. Jetzt sind wir ohne Einschränkungen Selbstversorger und im besten Sinne die nächsten Jahre sorgen- und auch kostenfrei.

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